Coronavirus vs. Klimakrise: Zweierlei Maß - aber warum?

Eine Kolumne von Christian Stöcker vom 08.03.2020, 16:40 Uhr in SPIEGEL ONLINE

(Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und seit Herbst 2016 Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang „Digitale Kommunikation“. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.)

Covid-19 legt Teile der Weltwirtschaft lahm, Notenbanken senken die Zinsen, Regierungen verkünden drastische Maßnahmen. Warum funktioniert das nicht bei der ungleich gefährlicheren Katastrophe, die uns droht?

Eigentlich verbietet es sich ja, sich diesen Gedanken, diesen Vergleich zu gestatten. Immerhin sterben Menschen durch das Coronavirus, jeden Tag, es sind schon Tausende Opfer und werden womöglich noch viel mehr. Jede Maßnahme, die der Eindämmung des Virus und dem Schutz vor allem von Risikogruppen gilt, ist gerechtfertigt.

Und gravierend sind viele dieser Maßnahmen und ihre Konsequenzen ja: Das Virus wird womöglich zu einer globalen Rezession führen, Lieferketten werden lahmgelegt, in Teilen Chinas, Koreas und Italiens ist das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen gekommen. In China hat die Reaktion auf das Virus offenbar zu einem so deutlichen Rückgang der Luftverschmutzung geführt, dass man die sogar auf Satellitenaufnahmen erkennen kann. Notenbanken senken Zinsen, Regierungen erwägen Investitionspakete, ganze Branchen ändern ihre Planung und ihre Prioritäten.

Auch im Alltag schlägt sich die Virusgefahr nieder: Atemschutzmasken sind bekanntlich ausverkauft, die Menschen in westlichen Industrienationen füllen ihre Keller mit Notfallvorräten, Händeschütteln zur Begrüßung wird in offiziellen Schreiben für unerwünscht erklärt. Husten- und Niesetikette, Abstandsregeln – jeder und jede Einzelne ist gefordert, etwas dafür zu tun, dass sich das Virus nicht noch weiter ausbreiten kann. Das ist gut, richtig und sinnvoll.

Diese andere potenzielle Katastrophe

Und dann ist da diese andere potenzielle Katastrophe, ebenso global. Und wenn wir nicht bald zu handeln beginnen, ist sie noch weit gefährlicher als Covid-19 es je sein könnte. Glauben Sie nicht mir, glauben Sie den Ökonomen einer Bank, die bis heute ständig Großprojekte zur Ausbeutung fossiler Brennstoffe finanziert: „Wir können katastrophale Entwicklungen nicht ausschließen, die das menschliche Leben an sich, wie wir es kennen, bedrohen.“ Das steht in einem geleakten internen Bericht der Bank JP Morgan.

Zur Illustration ein paar aktuelle Nachrichten zum Thema Klima:

  • Die globale Durchschnittstemperatur hat in den 140 Jahren um 1,1 Grad Celsius zugenommen.
  • Die Sommer in Australien sind jetzt doppelt so lang wie die Winter.  Die Uno warnt, dass „Rekordfluten der neue Normalfall“ werden.
  • Der Amazonas-Regenwald nimmt immer weniger Kohlendioxid auf und könnte sich schon im nächsten Jahrzehnt von einer CO2-Senke in eine CO2-Quelle verwandeln, und zwar viel früher als erwartet. Einer der an dieser in „Nature“ erschienenen Studie beteiligten Wissenschaftler sagt: „Das geschieht Jahrzehnte vor den pessimistischsten Klimamodellen“.

Keine aktuellen Nachrichten, aber trotzdem weiterhin aktuell: Die Wahrscheinlichkeit ist schon jetzt sehr groß, dass die Korallenriffe des Planeten den menschengemachten Klimawandel nicht überleben werden. Das bringt die Ökosysteme der Ozeane als Ganzes in Gefahr. Die Permafrostböden in der Arktis tauen auf und setzen dabei Methan frei, das die Erderwärmung weiter beschleunigt. Jetstream und Golfstrom beginnen, auf die Klimaveränderung zu reagieren. In Brasilien ist ein Klimawandelleugner Staatschef, der das Abbrennen des Regenwalds für eine Art wirtschaftsdienliche Trollaktion hält.

Es gibt eine einfache psychologische Erklärung

Da fragt man sich doch: Warum führt diese eine Krise eigentlich zu so heftigen Reaktionen, und die andere, ungleich existenziellere, nicht? Warum laviert beispielsweise die EU mit ihrem neuen Klimagesetz weiterhin herum und schiebt durchgreifende Veränderungen auf die lange Bank? Anstatt endlich Maßnahmen zur Entkoppelung der Wirtschaft von der CO2-Erzeugung einzuleiten, die auch nur annähernd so durchgreifend sind, wie die Maßnahmen, die zur Covid-19-Eindämmung mit größter Selbstverständlichkeit ergriffen werden?

Es gibt eine einfache psychologische Erklärung für die krasse Diskrepanz zwischen den Reaktionen auf das Coronavirus und denen auf die Klimakrise: Wir Menschen sind umso weniger bereit, unser Verhalten zu ändern, je weiter die vermuteten Konsequenzen des Nichthandelns entfernt scheinen, zeitlich wie räumlich. Noch extremer wird dieser Effekt, wenn auch nur ein Hauch Unsicherheit über die zu erwartenden Folgen herrscht. Das ist übrigens eine Information, die auch Politikern jederzeit zur Verfügung steht.

Das Coronavirus erscheint unmittelbar bedrohlich, es ist zweifellos da, es gibt ständig neue Nachrichten zum Thema, es ist, um es mit dem Nobelpreisträger Daniel Kahneman zu sagen, ständig verfügbar. Das lässt es wahrscheinlicher erscheinen, dass man selbst oder jemand, den man mag, dem Virus zum Opfer fallen könnte.

Unsere längst bekannten kognitiven Verzerrungen lassen also das eine bedrohlicher erscheinen als das andere. Obwohl es, global und menschheitsgeschichtlich betrachtet, genau umgekehrt ist: Klimakrise und Artensterben sind für die Menschheit weit bedrohlicher als eine zusätzliche Viruserkrankung, so bedrohlich und potenziell tödlich diese Erkrankung auch sein mag.

Wir wissen, dass das so ist, wir wissen, welche psychologischen Faktoren dazu führen, dass uns das eine zum Handeln bringt und das andere nicht. Jedes weitere Extremwetterereignis, das der Menschheit vor Augen führt, was wirklich los ist, wird diese Konstellation verändern, aber das geht im Augenblick nicht schnell genug.

Es wäre die Aufgabe der Politik, aus diesen Fakten die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Und auch gegen die Klimakrise endlich zu handeln.